Täglich grüßt das Murmeltier – Medien schüren Panik wegen russischer Hacker, was sind die Fakten?

WDR und ZDF von russischen Hackern angegriffen“ – Wieder eine Überschrift im Spiegel, die nichts mit Berichterstattung zu tun hat, sondern eindeutig Meinungsmache, oder wie man das früher nannte, Propaganda ist. Keine Anführungsstriche, um es als Zitat zu kennzeichnen, keine Einschränkung, wie z.B. „vermutlich“ oder ähnliches. Für den Spiegel steht die russische Täterschaft in der Überschrift als Tatsache fest. Nur steht eben gar nichts fest, wie sogar im Artikel zu sehen ist, wenn man aufmerksam liest.
Misstrauen gegenüber Geheimdienstberichten ist angebracht, wie wir spätestens seit den irakischen Massenvernichtungswaffen wissen, vor denen die Geheimdienste so aktiv gewarnt haben, obwohl sie wussten, dass das alles eine Lüge war. Und das ist ja nur das berühmteste Beispiel dafür, wie Geheimdienste lügen können. Oder erinnern Sie sich noch an das Celler Loch oder die Plutonium-Affäre? Um nur zwei Beispiele zu nennen.
Es lohnt daher ein nüchterner Blick auf die bekannten Fakten.
Es gibt also eine Hackergruppe, die „Sandworm“ genannt wird. Und immer, wenn von diesen Hackern die Rede ist, dann heißt es, dass vermutet wird, es wären russische Hacker, hinter denen wiederum russische Geheimdienste stecken. So kann man es auch hier wieder im Spiegel lesen: „„Sandworm“ ist mutmaßlich eine Hackergruppe des russischen Militärgeheimdienstes GRU und ist auf Sabotageaktionen spezialisiert. Die US-Bundespolizei FBI geht davon aus, dass dahinter die Einheit stecken könnte, die auch für einen der Hackerangriffe auf die US-Demokraten verantwortlich ist, wie aus Sicherheitskreisen verlautete. Deutsche Stellen nehmen dagegen an, dass „Sandworm“ von einer anderen GRU-Einheit gesteuert wird.
Als Beleg dafür, dass es Russen sein sollen, wird normalerweise angeführt, dass in den Quellcodes mal Kommentare auf Russisch oder auch nur kyrillische Buchstaben zu finden sein sollen. Und da stellt sich mir immer sofort eine Frage: Sind die Russen so blöd, dass sie in ihren Viren so deutliche Spuren hinterlassen? Gerade so, als wollten sie, dass ihre verdeckten Geheimdienstaktionen aufgedeckt werden und die Spur sicher zu ihnen zurückverfolgt werden kann. Schließlich sind diese Hacker hochintelligente Leute, die hochkomplexe Programme schreiben. Und dann machen sie jedes Mal den gleichen dummen Fehler? Oder will hier möglicherweise jemand den Verdacht auf Russland lenken?
 
Nehmen wir einmal kurz an, Sie wären ein russischer Hacker, der einen Cyberangriff plant, der natürlich nicht zu Ihnen zurückverfolgt werden können soll. Und dann lesen Sie hinterher in der Zeitung, dass man Ihnen auf die Schliche gekommen ist, weil Sie dummerweise im Quellcode etwas auf Russisch hinterlassen haben. Würden Sie diesen Fehler dann in Zukunft jedes Mal wiederholen?
Was wir in den Medien präsentiert bekommen, sind immer nur Anschuldigungen, wobei man beim genauen Lesen bemerkt, dass in Wirklichkeit praktisch nichts bekannt ist. So auch hier in dem zitierten Absatz. Es ist „mutmaßlich“ eine Hackergruppe des GRU und z.B. FBI und BND sind sich nicht einmal darüber einig, wer genau dahinter steckt. Es wird alles mögliche vermutet, was bedeutet, es könnte so sein, es könnte aber auch völlig anders sein.
Ein weiteres Beispiel war vor wenigen Tagen in den Medien. Dort ging es darum, dass jemand – natürlich Russland – in die Energieversorgung der USA eingedrungen war und laut Angaben der Geheimdienste die Stromversorgung der USA hätte lahmlegen können. Interessant waren auch hier die Formulierungen, wie ich am Beispiel eines Artikels der FAZ einmal zeigen will.
Die Überschrift lautete „So will Russland in New York das Licht ausknipsen“. Damit ist doch schon alles klar, oder? Russland ist schuld und Russland will den Menschen im Westen schaden, alles hübsch und kompakt in einer Überschrift.
In dem Artikel wurde dann sehr ausführlich beschrieben, wie die Hacker diesen Angriff technisch durchgeführt haben. Erst ganz am Ende geht es um die Frage, wer es denn gewesen sein soll und dann kann man folgendes dazu lesen: „FBI und Heimatschutzministerium erläutern in ihrem Bericht nicht, warum sie glauben, dass Russland hinter den Angriffen steckt.
Wie bitte? Und wie passt das zur Überschrift? Da wird Russland ja zweifelsfrei beschuldigt.
 
Es wird dann noch ergänzt: „Es heißt lediglich, ihre Analyse habe zur „Identifizierung eindeutiger Indikatoren und Verhaltensweisen“ geführt, die belegten, dass russische Hacker verantwortlich seien.
Indikatoren und Verhaltensweisen sind also genug für eine unbewiesene Anschuldigung. Und bei diesen Indikatoren handelt es sich wahrscheinlich wieder um die kyrillischen Buchstaben im Quellcode. Und kein „kritischer“ Journalist fragt nach, was das denn für Indikatoren sein sollen und ob man diese nicht auch bewusst als falsche Fährten hinterlassen haben könnte.
Dafür auch hier wieder: Eine reißerische Überschrift, die keinerlei Zweifel daran zulässt, dass Russland schuld ist, und dann irgendwo am Ende des Artikels die Mitteilung, dass man eigentlich gar nichts weiß. So kann die Presse immer behaupten, sie hätte (zumindest in diesem Fall) nicht gelogen, sie hat ja alles mitgeteilt. Aber viele Menschen lesen den Artikel gar nicht oder nicht bis zum Ende und bei ihnen bleibt nur die Überschrift hängen.
Und genau das ist das Problem. Wir werden fast täglich mit Berichten bombardiert, dass Russland irgendwas gehackt haben soll. Mal im US-Wahlkampf, mal den Bundestag, vor wenigen Tagen die US-Energieversorgung und heute WDR und ZDF. Und so bekommen die Menschen fast täglich in den Kopf gehämmert „Russland ist schuld“, obwohl beim genauen Lesen zu erkennen ist, dass überhaupt nichts erwiesen ist, es sind reine Vermutungen und zu allem Überfluss auch noch Vermutungen, für die meist nicht mal Begründungen geliefert werden. Also müsste man eigentlich sagen, es sind Behauptungen oder Unterstellungen.
Nur Beweise gab es nie. Sie erinnern sich noch an den Hackerangriff auf den Bundestag? Damals gab es tagelang Anschuldigungen, dass Russland dahinter steckt. Aber wie oft haben Sie in den Medien lesen können, dass der Geheimdienst keine Ahnung hat, wer dahinter steckt und es wieder nur eine weitere Vermutung ist?
Dies ist es jedenfalls, was das Geheimdienstkontollgremium im Bundestag mitgeteilt hat.
Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

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